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Ich lebe in der nähe von Mainz. 2020 investierte ich in eine Crowdfunding-Kampagne für einen neuen Unverpackt-Laden im Nachbarort. Die Kampagne war ein voller Erfolg. Der Laden eröffnete und wurde gut angenommen. Die Inhaber investierten zwei Jahre später sogar in ein “Unverpackt Mobil”. Regelmäßig lese ich den Newsletter dieses Ladens. Nach der Anfangs-Euphorie kam jedoch der Schock. Im Newsletter bettelten die Besitzer regelrecht ich als Leser solle unbedingt wieder einkaufen kommen. Dem Laden fehlten immer mehr Kunden. Solche Hilferufe hallen durch die ganze Republik. Kommt nach dem glorreichen Aufstieg nun der Fall dieses Geschäftsmodells?

im April 2021 titelt die Rundschau für den Lebensmittelhandel: Immer mehr Unverpackt-Läden eröffnen. Im Jahr 2020 haben siebzig Läden das Licht der Welt erblickt – 266 weitere seien in geplant.
Es gibt sogar einen Verband: Den unverpackt e.V. der die Interessen der BesitzerInnen vertritt. Abb. 1 eins zeigt, wie rasant der Verband wächst. Bis 2025 möchte der Verband die Beschaffung von Unverpackt-Läden professionalisieren und verbessern, sowie gemeinsame Standards bezüglich
Mehrwegsystemen, Hygiene und Prozessen erarbeiten.

Abb 1.: Mitgliederzuwachs des unverpackt e.V.

Das Versprechen der Unverpackt-Revolution: Weniger Verpackungsmüll, mehr Nachhaltigkeit und mehr Bio. Trotz vieler Neueröffnungen setzt die Corona-Pandemie den Läden zu. Das Kaufverhalten veränderte sich (siehe dieser Beitrag): Die Anzahl der Besuche im Supermarkt (also auch im Unverpackt-Laden) sind zurückgegangen.

unverpackt regal
unverpackt regal

Im Interview sagt Thomas Linhardt (ehemaliger Vorstand im unverpackt e.V. und Leiter des Unverpackt-Ladens in Erlangen): Er hoffe auf die Rückkehr der Kundschaft nach der Pandemie.

Er empfindet es als Paradox, dass es trotz der starken Umsatzrückgänge viele Neugründungen in Deutschland gebe.

Der unfaire Vorteil des LEH

In einer Untersuchung der DHBW Heilbronn gaben 42% der Probanden als Grund für den kauf von unverpackten Lebensmitteln an dies für den Schutz der Umwelt, der Ozeane und Meeresbewohner zu tun. Keiner der 257 Teilnehmern gab an den Unverpacktladen als Einkaufsstätte zu bevorzugen. Hauptsächlich besteht eine hohe Kaufbereitschaft bei den Warengruppen Obst & Gemüse, Nüssen, Nährmitteln und Cerealien. Das Hauptkriterium bei fehlender Akzeptanz von unverpackter Ware ist die Hygiene.

Der höhere Preis ist ebenso ein Grund für den Nicht-Kauf.

Zwei Drittel der Befragten nahmen die Unverpackt-Station im Supermarkt bisher nicht wahr. Außerdem kam die Studie zu dem Ergebnis, dass die Preisbereitschaft von unverpackten Produkten geringer ist, als bei verpackten Produkten. Die Befragten möchten sogar einen Preisvorteil, da die Verpackungskosten wegfallen und die Befragten einen Mehraufwand haben.

Der Lebensmitteleinzelhandel hat das Thema ebenfalls für sich entdeckt. In immer mehr Läden gibt es Unverpackt-Ecken, in denen du dir deine mitgebrachten Behälter füllen kannst. Der große Vorteil vom LEH ist die Kombination zwischen Markenprodukten, Lebensmitteln, die aus
hygienischen Gründen nicht unverpackt Angeboten werden können und einem Unverpackt-Angebot.
Der Wocheneinkauf lässt sich im Unverpacktladen oft nicht bewerkstelligen, weil manche Warengruppen wie frische Wurst oder Käse nicht im Sortiment sind.

Im LEH sind die Produkte günstiger, meistens ist der LEH besser erreichbar und der gesamte Wocheneinkauf kann zentral erfolgen.

Wenn der LEH weiterhin an einer guten Kombination aus Unverpackt-Optionen und dem gewohnten Sortiment arbeitet: Welche Vorteile hat der Kunde dann noch vom reinen Unverpackt-Laden?

Wieso werden trotz den starken Rückgängen immer mehr neue Unverpackt-Läden eröffnet?

Da hilft nur ein Blick in die Glaskugel. Nachhaltigkeit ist gut und wir alle sollten uns öfter an die eigene Nase fassen. Die Jünger der Unverpackt-Szene sind davon getrieben das Heilsversprechen für ein nachhaltigeres Leben zu erfüllen. Sie wollen ihren Teil dazu beitragen. Das erfordert Mut und die Bereitschaft es umzusetzen. Jedoch sehe ich auch ein Stück Naivität und Blauäugigkeit. Nachhaltigkeit hat mehrere Aspekte. Ein Dreiklang aus Umwelt, Sozialem und Wirtschaftlichkeit. An letzterem hadert es jedoch.

Ein Dreiklang aus Umwelt, Sozialem und Wirtschaftlichkeit. An letzterem hadert es jedoch.

Ohne wirtschaftlichen Erfolg keine langfristige Veränderung, denn sonst gibt es nur ein Ergebnis: Den Gang zum Insolvenzverwalter.


Ein Blick in die Zukunft

Wird es einen Unverpackt-Konzern geben? Aktuell werden die Läden immer von GründerInnen eröffnet, die selbst den Laden führen. In Zukunft könnte es eine Art Genossenschaft; andere im Lebensmittelhandel zeigen wie es gut funktionieren kann.

Eine Kombination von stationären Unverpackt-Läden und Unverpackt-Lieferdiensten könnte möglicherweise ebenfalls eine Rettungsanker darstellen. In anderen Ländern wie Holland sind Unverpackt-Läden allerdings schon Geschichte.

Ich erwarte reichlich geschlossene Unverpackt-Märkte in 2022/2023; statt über 200 Neueröffnungen.

Statt auf Unverpackt zu hoffen sollte verstärkt in Kreislaufsystemen gedacht werden. In diesem Beitrag habe ich mit dem Verpackungsexperte Andreas Milku.a. darüber gesprochen: [KLICK].


Quellen

https://www.br.de/nachrichten/bayern/corona-pandemie-bringt-einige-unverpackt-laeden-in-die-krise,SzkUgWN

https://www.rundschau.de/artikel/immer-mehr-unverpackt-laeden-eroeffnen

https://unverpackt-verband.de/

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